Forschungsreise: Winterformen – eine kleine Zeichenreise -13./14.12.25

Dezember – der offizielle meteorologische Winteranfang. Die Natur erkaltet, die Farben ziehen sich zurück, Blätter und Blüten sind verschwunden. Was bleibt, sind die nackten Formen: Äste, die wie gezeichnete Linien in den Himmel ragen, Hecken, die nur noch als Konturen sichtbar sind, Felder als klare Flächen ohne Schmuck. Ohne Schnörkel, sondern pur.

Rund um die Wintersonnenwende wechselt die Sonne in das Zeichen Steinbock. Sein Herrscher, Saturn, steht in der Astrologie für Kargheit und Konzentration auf das Wesentliche: Struktur, Form, Klarheit, Grenzen. Im Winter zeigt sich diese saturnische Qualität überall in der Landschaft. Die Welt wirkt zurückgenommen, fast streng – und gerade dadurch werden ihre abstrakten Formen sichtbar.

Dieses kleine 2-Tage-Forschungsreise lädt dich ein, diese Zeit bewusst einzufangen: hinauszugehen, die nackten Linien und Strukturen der Natur zu entdecken und sie mit Bleistift oder Farbe nachzuzeichnen. Kein großer Anspruch, kein Kunstdruck, nur ein ruhiger Blick auf das, was übrig bleibt, wenn alles Überflüssige abgefallen ist.

Diese kleine Forschungsreise ist für das zweite Adventswochenende geplant:
13. & 14. Dezember. Du kannst den Artikel aber schon jetzt lesen, dir die Idee merken und dir das Wochenende im Kalender freihalten – oder dir einzelne Impulse einfach früher holen.

Ablauf

Tag 1 – Winterformen sammeln

Am ersten Tag geht es nach draußen. Die Natur ist reduziert, Blätter und Blüten sind verschwunden, und dadurch treten Linien und Strukturen deutlicher hervor: Äste, Zweige, Gräser, Konturen von Bäumen, Hecken oder Häusern.

So kannst du mitmachen:

  1. Mach einen Spaziergang in deiner Umgebung: Park, Feldweg, Stadt, Hinterhof – alles ist geeignet.
  2. Suche nach „nackten“ Formen: Verzweigungen, Linien, Wiederholungen, klare Konturen.
  3. Halte dir 3 Formen fest, die dich ansprechen – als Handyfoto oder kleine schnelle Skizze.
  4. Zu Hause wählst du eine dieser Formen aus und zeichnest sie mit Bleistift auf ein Blatt Papier nach.
    • Nur die Kontur, ohne Details, ohne Anspruch.
    • Wenn du magst, zeichne dieselbe Form 2–3 Mal untereinander.

Weiter unten im Artikel zeige ich dir meine eigenen Ergebnisse von Tag 1 und erzähle, was mir dabei aufgefallen ist.

Tag 2 – Mit einer Form spielen

Am zweiten Tag geht es darum, bei einer Form zu bleiben und mit ihr ein wenig zu experimentieren. Die Linie von gestern wird zum Spielfeld.

So kannst du mitmachen:

  1. Nimm die Form, die du an Tag 1 ausgewählt und nachgezeichnet hast.
  2. Übertrage sie noch einmal auf ein neues Blatt.
  3. Nun kannst du mit ihr spielen, zum Beispiel:
    • die Form mehrfach wiederholen (in einer Reihe oder als kleines Muster)
    • mit Buntstiften, Filzstiften oder Aquarell arbeiten
    • die Flächen innerhalb der Form ausfüllen oder schraffieren
    • dicker, dünner, schneller, langsamer zeichnen und vergleichen
  4. Es geht nicht darum, ein fertiges „Bild“ zu erzeugen, sondern darum, zu sehen, wie sich eine einzige Form verändert, wenn du ihr Zeit und Aufmerksamkeit gibst.

Auch von diesem zweiten Tag zeige ich dir im Anschluss meine Zeichnungen und kleine Ausschnitte aus meinem Notizbuch.

Samstag, 13.12.2025 -1. Tag der kreativen Forschungsreise „Winterformen – eine kleine Zeichenreise“

Guten Morgen – wir starten mit Tag 1 der Winterformen-Reise.

Vielleicht habt ihr in den letzten Tagen schon begonnen, Winterformen zu entdecken und im Kopf zu „sammeln“. Heute geht es genau darum: aufmerksam zu werden für die Formen, die der Winter sichtbar macht.

Nehmt euch Zeit. Ein Spaziergang reicht – durch den Park, den Wald, durch die Stadt oder einfach um den Block. Schaut euch in Ruhe um:
Wo tauchen Winterformen auf?
Welche Formen seht ihr jetzt, die im Sommer ganz anders wirken oder fast verschwinden?
Was hat sich gegenüber der warmen Jahreszeit verändert?

Ihr müsst heute noch nichts „schön“ zeichnen. Es genügt, Motive zu finden und sie festzuhalten: mit Fotos, kleinen Notizen oder ganz groben Skizzen. Die Zeichnungen können auch morgen noch entstehen. Heute darf der Blick erst einmal sammeln.

Und lasst euch überraschen, wo euch welche begegnen. Meist ist es nicht das Vordergründige. Beobachtet euch dabei, macht am Ende des Tages Notizen, was euch aufgefallen ist. Und folgt mir gerne bei meinen storys auf instagram.

Morgen zeige ich hier im Blog ein paar meiner Winterformen-Ergebnisse. Wenn du magst, teile gerne deine eigenen Entdeckungen:
– in den Kommentaren unten
– oder per Mail an info@sandra-beimgraben.de

Mit deinem Einverständnis veröffentliche ich ausgewählte Fotos in meinen Instagram-Storys – als Inspiration für alle, die auch mit den Winterformen auf Forschungsreise gehen.

Sonntag, 14.12.2025 -2. Tag

Wie war der Tag der Motivsuche? Was habt ihr entdeckt Etwas, was euch vorher gar nicht aufgefallen ist? War es leicht für euch?

Hier meine Motivsuche im Prozess

Bei der Suche nach Motiven ist mir etwas aufgefallen: Zuerst habe ich ganz automatisch nach dem geschaut, was „man“ sich unter Winterformen vorstellt. Kahle Bäume, Schnee, Zweige, Frost. Mit genau diesem Bild im Kopf bin ich in den Wald gegangen – ich wollte das finden, was typisch ist.

Mein Blick ging zuerst zu den Bäumen und ihren Verzweigungen. Ohne Blätter wird sichtbar, was sonst unter der grünen Pracht verschwindet: ein Gerüst aus Linien, Verästelungen, Gabelungen. Die Kronen wirkten fast majestätisch, wie gezeichnete Strukturen vor dem Himmel. Je näher ich hinsah, desto mehr Details traten hervor: verwelkte Früchte, stachelige Pflanzen, ein grünliches „Winterfell“ aus Moos, das sich um Stämme und Äste legt. Formen, die im Sommer eher Hintergrund sind, wurden plötzlich zu klaren Figuren.

Mit der Zeit wanderte mein Blick nach unten. Auf dem Boden entdeckte ich Tannenzapfen, Gestrüpp, geknickte Halme, kleine Knäuel aus Zweigen und Gras. In der Reduktion des Winters wurden daraus eigene Formen: wirre Knäuelformen, verdrehte Linien, kleine Inseln von Ordnung im scheinbaren Chaos. Typische Winterpflanzen wie Disteln oder Misteln wurden zu Farb-Eyecatchern im gedämpften Wald – kleine Akzente in einer sonst zurückgenommenen Landschaft.

Doch die Motive, die mich überraschten, waren die Bilder, die nicht vorher in meinem Kopf waren. ich war zwar irgendwie ständig auf Empfang, hatte aber auch andere Gedanken im Kopf. Und dann tauchten sie auf oder besser gesagt sie schrien ohne laut zu sein: der Rauch aus den Schornsteinen, der als nebeliges Gebilde in den Himmel steigt und sich scheinbar wirr verteilt; die Winterautoreifen, die man an den Straßen findet,; die Menschen in dicken Mänteln, die fetten Raupen gleichen; das feste Umschlingen der Hände um die Tasse des Glühweins auf dem Weihnachtsmarkt, um ein wenig der Kälte des Winters zu entkommen.

Beeindruckt hat mich auch der alte Mann, der plötzlich im Wald mit seinem Rollator auftauchte, gebückt lief er, mit Bart im nackten Waldgeäst. Das hat mich berührt, denn zeigt er uns doch allen, dass auch wir irgendwann im Winter des Lebens sind. Doch nicht nur dies war für mich beeindruckend, nein, er ging an die die Haltevorrichtungen aus Holzstämmen und machte dort seine sportlichen Bewegungsübungen – mit viel Willensstärke. Und da fielen mir die Worte von Albert Camus ein, ein Sprichwort, welches ich lange an meiner Wand hängen hatte: „Im tiefsten Winter erkannte ich, dass in mir ein unbesiegbarer Sommer wohnt.“ Symbolischer hätte sich der Winter in seiner Form nicht zeigen können. (ein Foto zeige ich aus Respekt vor diesem Menschen nicht, deshalb nur skizzenhaft))

Welche Motive überraschten?

Wie ich angedeutet habe, sind es oft die Überraschungsmotive, die uns am meisten berühren – die, die wir uns vorher niemals hätten ausmalen können. Sie machen deutlich, wie sinnvoll es ist, ab und zu die eigenen Pläne einfach Pläne sein zu lassen.

Ich finde es erstaunlich, wie ich zuerst die Motive suche, die ich ohnehin schon in mir trage. Meine inneren Bilder. Alles andere ist mir zunächst gar nicht bewusst. Und doch schlummern auch diese anderen Formen irgendwo in mir, warten darauf, gesehen zu werden.

Wie müsste ich schauen, wer müsste ich sein, wenn ich auch diese unbewusst geprägten Bilder einen Moment lang beiseitelassen könnte – und mich wirklich auf etwas ganz Neues einlasse?

Mich interessiert sehr, welche Erfahrungen ihr mit der Motivsuche gemacht habt. Wenn ihr mögt, schreibt gerne etwas dazu in die Kommentare:
– Welche Winterformen habt ihr entdeckt?
– Wo habt ihr gesucht – und wo wurdet ihr überraschend fündig?
– Gab es ein Motiv, das euch besonders angesprochen oder überrascht hat?

Und die Aufgabe für Tag 2 ist heute:

Such dir ein Motiv aus und skizziere es – gerne auch nur einen Ausschnitt.
Dann verändere es so, dass es für dich stimmig ist. Es muss am Ende nicht mehr erkennbar sein. Wichtig ist, dass du die Winterform zu deinem eigenen Bild machst.
Nutze auch gerne Farben.

Montag, 15.12.2025 – Rückblick auf Tag 2

Aus all den Motiven, die ich gesammelt habe, habe ich mir für die weitere Arbeit ein Winterform-Motiv herausgesucht. Überraschenderweise war es kein Baum, oder auch Menschen, sondern: ein Winterreifen.-So etwas Sachliches ist selten bei mir.

Beim Skizzieren des Reifens fiel mir sofort das Profil auf – diese harten Konturen in schlangenartigen Linien . Genau diesen Ausschnitt habe ich dann gemalt in fokussierter Form der Schlangenlinien.

Zuerst habe ich die Seitenflächen farbig gestaltet, das war gestern. Heute gefiel mir das so gar nicht mehr. Also habe ich zur Schere gegriffen und den Rand einfach weggeschnitten. Übrig blieb eine körperliche Form, die ich nicht nur sehen, sondern auch anfassen kann. Die Einkerbungen im Papier sind spürbar, wenn ich mit der Hand darüberfahre. Für mich hat die Forschungsreise „Winterformen“ damit tatsächlich eine Form hinterlassen, die über das rein Visuelle hinausgeht – etwas, das im Raum liegt und Präsenz hat.

Was diese Form mir „sagen“ will? Dazu habe ich mir einiges aufgeschrieben. Das hier öffentlich auszubreiten, fühlt sich für mich aber zu persönlich an. Nur so viel: Es passt zu mir und ich bin wie immer erstaunt 🙂

Und ihr?
Für welche Winterformen habt ihr euch entschieden? Was zieht euch an diesen Formen an, was lösen sie in euch aus? Wenn ihr euch noch nicht festgelegt habt, geht eure Motive noch einmal langsam durch:

  • Was findet ihr spannend, wo würdet ihr gern „mehr wissen“?
  • Was ist vielleicht sogar richtig uninteressant – und warum?

Am Ende gibt es keine falsche Wahl. Jede Form, für die ihr euch entscheidet, ist die richtige Winterform für euch in diesem Moment.

Wie immer freue ich mich, wenn ihr eure Erfahrungen in den Kommentaren teilt.

Zum Abschluss der Winterformen-Reise

Wenn ich auf diese kleine Winterformen-Reise zurückschaue, bleiben für mich vor allem zwei Dinge hängen. Zum einen: Egal, welches Motiv wir wählen – es hat letztlich immer mit uns selbst zu tun. Ob Baumkrone, Winterreifen, Rauch oder der alte Mann mit Rollator: In dem Moment, in dem wir uns dafür entscheiden, zeigt sich auch etwas von unserer Art zu schauen, von dem, was uns anspricht oder abstößt, von dem, was gerade innerlich mitschwingt.

Zum anderen habe ich gemerkt, wie wichtig es ist, die feste Suche ein Stück zu lockern. Solange ich nur den „typischen“ Winterbildern hinterherjage, finde ich genau das, was ich ohnehin schon im Kopf habe. Die spannendsten Motive tauchen oft dann auf, wenn der Blick weicher wird, wenn Pläne Pläne sein dürfen und sich Formen zeigen dürfen, an die ich vorher gar nicht gedacht habe.

Vielleicht nehmt ihr etwas Ähnliches mit: dass es keine falsche Winterform gibt – nur unterschiedliche Resonanzen. Und dass es sich lohnt, ab und zu die innere Jagd zu unterbrechen und zu schauen, was euch von selbst entgegenkommt. Die Forschungsreise „Winterformen“ ist hier erst einmal zu Ende, eure Wahrnehmung muss es nicht sein.

Gedanken einen Tag später

Diese Winterform ist für mich mehr als ein Reifenprofil. Sie erinnert mich an dieses Jahr, in dem ich mehr in meinem Körper angekommen bin: durch Sport, Physiotherapie und ein wichtiges Gespräch mit einem für mich wertvollen Menschen, der sehr klar einen „Körpertyp“ verkörpert.

Sie steht für etwas, das wir leicht vergessen: dass das Körperliche zu uns Menschen dazugehört. Die Zickzack-Linien bedeuten für mich, mein Profil zu schärfen und trotzdem weich zu bleiben – nicht linear, sondern lebendig.

Das Besondere: Dieses Bild ist wirklich körperlich geworden. Ich kann es in die Hand nehmen und die rundlichen Zacken spüren. Eine Winterform, die nicht nur zu sehen, sondern auch zu fühlen ist.

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